Ereignisse

Luftkampf über der Schweiz

Der Bomber mit dem Kennzeichen FC-B und dem Übernamen „Blues in the Night“ ist nach einem Einsatz über Stuttgart in Dübendorf gelandet. Am 12.09.1945 nach Burtonwood zurück gekehrt.

Blues in the Night nach der Landung in Dübendorf. (292_1)

Blues in the Night nach der Landung in Dübendorf. (292_1)

Der Bomber der 8th Air Force, 390th Bomb Group mit dem Kennzeichen FC-B und dem Übernamen „Blues in the Night“ ist nach einem Einsatz über Stuttgart in Dübendorf gelandet und am 12. 09. 1945 nach Burtonwood zurückgekehrt. Über dem Ziel flog die Formation in ein besonders schweres Flakfeuer. Hundertneun Bomber kehrten mit teilweise schweren Beschussbeschädigungen zurück. Capt Alvin Jaspers flog die „Blues in the Night“ und wurde von der Abwehr besonders böse zugerichtet. Als Copilot flog 1st Lt Thomas F. Gallagher und der Navigator 2nd Lt Daniel Foley erinnert sich: Nachdem wir die Bomben abgeworfen hatten, liessen wir die Maschine über den rechten Flügel abkippen. Motor Nummer 4 wurde getroffen und musste stillgelegt werden. Motor Nummer 2 lief hart und rauchte und Nummer 3 verlor Treibstoff. Nun musste auch noch Nummer 1 stillgelegt werden. Ich glaubte nicht mehr an eine Rückkehr nach England. Kugelturmschütze Sgt James B. Eckman sah aus seiner Position das Öl aus Motor Nummer 2 auslaufen und dass die Treibstofftanks der Nummern 1, 3 und 4 leer waren. Ich war trotzdem überrascht, als ich den Capt hörte, wie er das Kommando an seinen Stellvertreter Evans übergab.

Der schwer angeschlagene Bomber konnte sich nur mit den beiden Innenmotoren in die Schweiz retten. Kurz nach der Landung stehen noch beide äusseren Propeller in Segelstellung. (292_2)

Der schwer angeschlagene Bomber konnte sich nur mit den beiden Innenmotoren in die Schweiz retten. Kurz nach der Landung stehen noch beide äusseren Propeller in Segelstellung. (292_2)

Wir hatten nur noch eine Möglichkeit und dies war die Schweiz zu erreichen. Ich realisierte plötzlich, dass wir keine Karten von dieser Gegend hatten. Sicher war, dass der See zu unserer Linken der Bodensee war und Zürich südlich davon an einem langen See lag. Als wir in der Gegend von Schaffhausen den Rhein überquerten, sahen wir auch schon Zürich und hielten Kurs darauf. Von einer kleineren Stadt aus wurde wir mit Flab beschossen, wir erfuhren später, dass dies Frauenfeld war. Capt Jaspers glaubte nicht, dass wir in der Schweiz waren und bemerkte auch nicht, dass die hochfliegenden Begleit-Mustangs ebenfalls noch folgten. Plötzlich wurden die Schweizer Jäger, die uns zur Landung geleiten sollten, von den Mustangs abgeschossen. In unserer verzweifelten Lage versuchten wir das Flugzeug leichter zu machen und warfen alle schweren Waffen über Bord. Dann warfen wir noch den Kugelturm ab und über dem Zürichsee entledigten wir uns noch des Radars. Später sagte man uns, dass der Kugelturm durch das Dach eines Gebäudes gefallen war und das glücklicherweise niemand verletzt wurde. Gallagher sah als Erster das Flugfeld von Dübendorf, wo wir landeten. Bevor Jaspers die Formation verliess erbat er über Funk Begleitschutz.

Nicht nur die beiden Aussenmotoren waren ausgefallen, die Maschine hatte auch einige Flak-Treffer zu verzeichnen. (293_1)

Nicht nur die beiden Aussenmotoren waren ausgefallen, die Maschine hatte auch einige Flak-Treffer zu verzeichnen. (293_1)

Oberleutnant Earl E. Erickson und Leutnant Nathan Ostrow der 339th Gruppe eilten dem lädierten Bomber sofort zu Hilfe. Mittlerweile blieb auch den Schweizern die erhöhte Lufttätigkeit im grenznahen Gebiet nicht verborgen und als unsere Beobachtungsposten den Einflug des Bombers meldeten, machte sich um 11.00 Uhr eine Doppelpatrouille Messerschmitt Bf 109E-3 sofort auf den Weg um die beiden Eindringlinge abzufangen und nach Dübendorf zu geleiten. Über Brüttisellen sichteten Patrouillenführer R. Heiniger in der J-324 und Oberleutnant P. Treu in der J-378 die angeschlagene B-17G, welche sich nur noch mit äusserster Mühe in der Luft halten konnte. Erst auf das vierte Raketensignal der Eidgenossen reagierte der Bomber mit einem kurzen Ein- und Ausfahren des Fahrwerks. Dieses Manöver sowie der ungünstige Sonnenstand haben wohl zu einer Vernachlässigung der Luftraumbeobachtung geführt. Denn unterdessen hatten die beiden amerikanischen Begleitjäger, welche über der Festung kreisten, drei der vier Bf 109E ausgemacht. Sie hielten sie für feindliche Maschinen, welche ihrem Schützling ans Leder wollten.

Trotz seinen Verletzungen konnte Oberleutnant Heiniger die beschädigte Maschine in Dübendorf landen. (294_1)

Trotz seinen Verletzungen konnte Oberleutnant Heiniger die beschädigte Maschine in Dübendorf landen. (294_1)

Ostrow und Erickson zögerten keine Sekunde und stachen aus der Überhöhung blitzschnell auf die ahnungslosen, völlig überraschten Schweizer Flugzeuge nieder. Mit kurzen Feuerstössen erwischten sie die beiden Messerschmitt von Treu und Heiniger. Der Spuk dauerte nur Sekunden, dann waren die Mustang verschwunden. Die Schweizer hatten nicht den Hauch einer Chance zur Abwehr. Oberleutnant Treu fand beim Absturz seiner brennenden „Emil“ in der Nähe von Neuaffoltern den Tod. Der schwerverletzte Heiniger konnte mit seiner völlig zerschossenen Maschine in Dübendorf eine saubere Bauchlandung hinzaubern. Seine J-324 wurde später wieder Instand gestellt und blieb noch bis zum 28. Dezember 1949 im Einsatz. Ohne weitere Zwischenfälle eskortierten die noch verbliebenen zwei Schweizer Jäger die B-17 nach Dübendorf zur Internierung. Dieses Ereignis blieb glücklicherweise ein Einzelfall, obwohl amerikanische Begleitjäger den ganzen Krieg über beschädigte Bomber immer wieder bis weit in die Schweiz hinein eskortierten. Sie drehten erst ab, nachdem zweifelsfrei feststand, dass unsere Piloten sich ihrer annahmen.

Triebwerksverschalung und Ölkühler wurde bei der Bauchlandung abgerissen. (295_1)

Triebwerksverschalung und Ölkühler wurde bei der Bauchlandung abgerissen. (295_1)

Um 1.45 Uhr landeten die P-51 der 339th Gruppe ohne Verluste sicher in England. Nach Auswertung der Zielfilme sprach man Erickson einen halben, Ostrow anderthalb Luftsiege zu, die einzigen Erfolge des Verbandes an diesem Tag. Für Ostrow blieben es auch die einzigen Abschüsse, während Erickson am 11. September 1944 einen weiteren Gegner bezwingen konnte. Er ist heute Mitglied der 339th FG Association, während das Schicksal von Ostrow bis heute nicht ermittelt werden konnte. Während des ganzen Krieges kam es auf beiden Seiten immer wieder zu Abschüssen eigener Flugzeuge. Das Geschick eines Jagdfliegers hing ganz entscheidend von seiner raschen Reaktionsfähigkeit ab. Oder wie ein deutscher Pilot einmal treffend an seine Maschine pinselte: „Wer schneller schiesst, lebt länger“. Innert Sekundenbruchteilen musste ein fremdes Flugzeug identifiziert werden, auf die Hoheitszeichen wurde kaum geachtet. So erbrachte auch die auffällige Neutralitätsbemalung unserer Messerschmitt und Morane nicht immer die erhoffte Wirkung. Der amerikanische Nachrichtendienst wies zwar seine Besatzungen immer wieder darauf hin, dass die neutrale Schweiz mit den gleichen Maschinen fliegen würde wie der Feind. Es ist bekannt, dass die Amerikaner englische und französische Spitfire mit deutschen Jägern verwechselten und in die Tiefe schickten.

Direkt über der Propellernabe wurde Heinigers J-324 von einem 12.7 mm Geschoss getroffen. (295_2)

Direkt über der Propellernabe wurde Heinigers J-324 von einem 12.7 mm Geschoss getroffen. (295_2)

Auch die Bomberbesatzungen hatten in bestimmten Fluglagen Mühe, die Focke Wulf Fw 190 von der eigenen P-47 Thunderbolt zu unterscheiden, was ebenfalls zu Verlusten führte. Flugkapitän Robert Heiniger berichtet: Die Staffel 7, der ich angehörte, war 1944 normalerweise in Interlaken stationiert. In diesen Tagen hatte sie jedoch mit einer Doppelpatrouille das Überwachungsgeschwader in Dübendorf abzulösen. Unsere Ausrüstung bestand aus Jagdeinsitzern des Typs Messerschmitt Bf 109E. Unglücklicherweise hatten wir ein paar Tage vorher unsere schwer gepanzerten Bf 109G gegen die schwächeren und ungeschützten Bf 109E auswechseln müssen, weil am „Gustav“, wie er allgemein genannt wurde, Änderungen vorgenommen werden mussten. Der 5. September 1944 begann für uns wie jeder andere Einsatztag. Bei Tagesanbruch hatten wir mit unserer Doppelpatrouille auf dem Areal unmittelbar vor der Halle III in Dübendorf Stellung bezogen. Seit der Errichtung der zweiten Front in Frankreich hatten die Grenzverletzungen durch Einflüge fremder Flugzeuge erheblich zugenommen. Wir konnten uns tatsächlich nicht über Arbeitsmangel beklagen. Dass diese Einsätze meistens ohne Erfolg blieben, war hauptsächlich dem Faktor Zeit zuzuschreiben.

Die Absturzstelle von Oblt. P. Treu im Hürstwald bei Zürich-Affoltern. (296_1)

Die Absturzstelle von Oblt. P. Treu im Hürstwald bei Zürich-Affoltern. (296_1)

Um 9 Uhr erfolgte der erste Alarm, der aber gleich wieder abgeblasen wurde. Wann der nächste Alarm erfolgte, lässt sich nicht mehr genau feststellen, da dieser Flug in meiner Kontrolle nicht mehr aufgeführt ist. Jedenfalls waren die vier Flugzeuge sehr rasch in der Luft. Wir wurden gleich zur Nordgrenze dirigiert. Schon kurz nach dem Start brach die Funkverbindung ab, ich möchte fast sagen, wie üblich. Eine weitere Zielangabe erübrigte sich aber in der Folge, da wir in der Gegend zwischen Bülach und Eglisau eine schwer beschädigte B-17 sichteten. Dies bedeutete für uns eine der üblichen Pfadfinderaufgaben. Sofort bezogen wir unsere Positionen. Eine Patrouille setzt sich vor das Flugzeug, um ihm den Weg nach Dübendorf zu weisen, während die andere dem Bomber in angemessenem Abstand folgte. Was nun folgte, ist in meinem Gedächtnis unlöschbar haften geblieben. Als unser „Geleitzug“ die Gegend des heutigen Flughafens Kloten erreicht hatte, sah ich plötzlich zu meiner Rechten ein Flugzeug in einer grossen Spirale brennend abstürzen. Da die Distanz zu gross war, konnte ich seine Identität nicht feststellen. Immerhin war mir klar, dass es sich um einen Jäger handeln musste. Bevor ich mir über die Ursachen dieses Absturzes Klarheit verschaffen konnte, erreichte mich das Unheil selber.

Oblt. Treu wurde bereits vor dem Absturz tödlich getroffen. (296_2)

Oblt. Treu wurde bereits vor dem Absturz tödlich getroffen. (296_2)

Plötzlich wurde mein Flugzeug durcheinander geschüttelt, es bäumte sich auf und legte sich leicht auf die linke Seite. Innert kürzester Zeit war die Kabine mit beissendem Rauch erfüllt und beim rechten Fuss entwickelte sich ein kleines, weissglühendes Feuerchen: Phosphor! Es war klar – ich war beschossen und von verschiedenartigen Geschossen getroffen worden. Zwischen meinen Füssen konnte ich ein Loch feststellen. Mein rechtes Hosenbein war zerfetzt. Ohne mich zu verletzen, war ein Brandgeschoss zwischen meinen Beinen explodiert. Gleichzeitig setzte der Motor aus. Meine Bf 109 war zum Segelflugzeug geworden. Weil der Angriff von unten her erfolgt war, glaubte ich zuerst an einen Beschuss vom Bomber her, doch wurde ich Sekunden später eines anderen belehrt. Von rechts oben, in einem Winkel von rund 45 Grad, suchte ein Mustang-Jäger eben seine Angriffsposition um mich ein zweites Mal anzugreifen. Sobald er das Feuer eröffnete, drehte ich brüsk in einer engen Kurve gegen die Angriffsrichtung. So konnte ich der Garbe entgehen. Die Mustang sauste hinter mir durch und griff gleich nochmals an. Dies wiederholte sich im Ganzen fünf Mal.

Die Tafel des Fliegerdenkmals für Paul Treu. (297_1)

Die Tafel des Fliegerdenkmals für Paul Treu. (297_1)

Jedes Mal hatte ich das unwahrscheinliche Glück, der „Giesskanne“ zu entgehen, sei es durch Manövrieren meines motorlosen Flugzeuges oder durch die lausige Schiesskunst meines Widersachers. Mittlerweile kreiste eine zweite Mustang in überhöhter Position über dem Schauplatz. Warum dieses Flugzeug nicht ins Geschehen eingriff, wurde nie abgeklärt. Möglicherweise hat der Pilot den Irrtum wohl erkannt, war aber nicht mehr in der Lage, seinen Kameraden von seinem für mich fatalen Vorhaben abzuhalten. Der Rest der Geschichte ist bald erzählt. Als wir uns Dübendorf näherten, verschwanden die beiden Jäger ebenso spurlos, wie sie gekommen waren und ich konnte mein Flugzeug mit eingezogenem Fahrwerk auf dem Flugplatz Dübendorf landen. Durch den Aufprall schlug ich den Kopf trotz Schultergurte am Zielgerät an. Dies bewirkte zusammen mit einer leichten Rauchvergiftung einen kurzen Ausfall des Bewusstseins. Man holte mich sofort aus dem brennenden Flugzeug – der Brand konnte übrigens sofort gelöscht werden – und brachte mich ins Kantonsspital, wo nur äusserliche Verletzungen festgestellt wurden. Vier Tage später konnte ich das Spital wieder verlassen. Was war eigentlich geschehen? Die B-17 war, das erste Mal bei solchen Einflügen, von zwei Jägern begleitet, die weit überhöht dem Bomber folgten. Als die Jäger feststellten, dass sich vier Bf 109 ihrem Schützling näherten, gingen sie zum Angriff über, hatten sie doch bis an die Schweizer Grenze ständig deutsche Messerschmitts abzuwehren.

Im Unterholz am Rand des Hürstwaldes stellten Studienkollegen dem Gedenkstein auf. (297_4)

Im Unterholz am Rand des Hürstwaldes stellten Studienkollegen dem Gedenkstein auf. (297_4)

Als Ziel hatten sie sich die nachfolgende Patrouille auserkoren, also diejenige von Oberleutnant Treu und mir. Jeder Amerikaner hat ein Flugzeug angegriffen. Dabei wurde Oberleutnant Treu tödlich getroffen und stürzte ab. Der erste Angriff auf mein Flugzeug schlug fehl, scheinbar hat der Mustang-Pilot zu kurz geschossen, so dass ich von alledem gar nichts gemerkt habe. Über Funk suchte man uns vom Boden aus zu warnen. Die Funkeinrichtung in der Bf 109 war auch bei Kriegsende noch so mangelhaft, dass man meistens im Kopfhörer nur ein unverständliches Quaken vernommen hatte. Als Kuriosum sei noch erwähnt, dass die führende Doppelpatrouille vom ganzen Zwischenfall überhaupt nichts bemerkt hat, was zu einem guten Teil ebenfalls auf das Konto Funk zu buchen ist. Es ist mit grosser Sicherheit anzunehmen, dass – hätten wir unsere „Gustav“ gehabt – das Ganze nicht so tragisch geendet hätte. Allein der gute Funk und hauptsächlich die massive Panzerung hätten uns wenigstens in dieser Hinsicht gleichziehen lassen. Bei der Absturzstelle von Oberleutnant Treu, zwischen Affoltern und dem Katzensee, wurde später von seinen Professoren und Kameraden der ETH ein Gedenkstein errichtet. Nach dem Krieg versuchte ich, den Piloten, der mich ins Jenseits zu befördern suchte, über die amerikanische Gesandtschaft in Bern zu ermitteln, doch blieben diese Bemühungen ohne Erfolg.


Ereignissdatum 5.9.1944
Ort Dübendorf
Kanton ZH
Ereignis Landung
Nation Amerika
Flugzeugart Bomber
Flugzeugtyp B-17 Flying Fortress
Flugzeugbezeichnung B-17 G-70-BO
Flugzeug-Spitzname Blues in the Night
Einteilung 8th Air Force, 390th Bomb Group, 571st Squadron
Basis Framlingham (GB)
Auftrag Bombardierung
Einsatzziel Stuttgart (D)
Rückkehr 12.09.1945 Rückkehr nach Burtonwood (GB)
Werknummer 43-37866
Kennzeichen FC-B
CH Archiv Nr. A132
US MACR Nr. 8456
Besatzung Pilot: Thomas F. Gallagher, 1st Lt
Cmd Pilot: Alvin W. Jaspers, Cpt
Navigator: Daniel Foley, Jr., 2nd Lt
Bombardier: Victor H. Estes, 2nd Lt
Engineer: William Marra, T/Sgt
Radio: Robert E. Miner, T/Sgt
Ball Turret: James B. Eckman, S/Sgt
Waist Gunner: Ernest M. Feibusch, S/Sgt
Tail Gunner: Walter I. Underwood, 2nd Lt
Quelle Cockpit
Autor Hans-Heiri Stapfer