Ereignisse

Notlandung in Ems

Die Maschine mit dem Kennzeichen WD-U war als Begleitjäger über Augsburg im Einsatz, als sie nach einem Kühlerschaden zur Landung in Ems gezwungen wurde. Das Flugzeug wurde am 20.10.1945 a die USAAF zurück gegeben.

Die Mustang nach der geglückten Notlandung in Ems. (371_1)

Die Mustang nach der geglückten Notlandung in Ems. (371_1)

Am 19. Juli 1944 waren in den Befehlen der 8th Air Force hauptsächlich Ziele in Mittel- und Süddeutschland aufgeführt. Dazu gehörten Industrieziele (Flugzeug- und Flugmotorenwerke) sowie Flugplätze der Jagdgeschwader. Die 1. Bomber Division griff mit 123 Flugzeugen Ziele in Augsburg an. Zu den 224 Begleitjägern der Typen North American P-51 Mustang und Republic P-47 Thunderbolt gehörten auch die Mustangs der berühmten 4th Fighter Group aus Debden. Die 4th Fighter Group hatte an diesem Tag den Auftrag, die Bomber beim Anflug auf das Ziel und der anschliessenden Rückkehr auf die Basen in England zu begleiten. Der Start in Debden erfolgte um 6.49 Uhr und der Kontakt mit der Bomberstreitmacht wurde über dem Festland aufgenommen. Zwanzig Kilometer östlich von München wurden um 10.15 Uhr deutsche Jäger gesichtet und sofort angegriffen. Während die 334th Squadron sich mit neun Messerschmitt Bf 109 herumschlug, griffen die Mustangs der 335th und der 336th Squadron eine zweite Gruppe von etwa fünfzehn Bf 109 an.

Zusammen mit einer Bücker wartet der Mustang auf den Abtransport nach Dübendorf. (371_2)

Zusammen mit einer Bücker wartet der Mustang auf den Abtransport nach Dübendorf. (371_2)

Bei der 335th Squadron flog 1st Lt Curtis Simpson unter dem Rufnamen „Caboose Red3“ mit seiner Mustang den Angriff mit. Im nachfolgenden Luftkampf gelang es ihm, eine Bf 109 abzuschiessen. Auch Simpsons Mustang trug Schäden davon, worauf der junge Pilot die Formation verlassen und sich auf den Weg in die rettende Schweiz machen musste. Lt. Simpson erinnert sich: Wir wurden von einer Gruppe Messerschmitt angegriffen und der Luftkampf zog sich bis nach Österreich hinein. Da ich zu lange mit voller Leistung geflogen war, versagte das elektrische System der Kühlklappen. Diese schlossen sich darauf, was den Verlust der gesamten Kühlflüssigkeit zur Folge hatte. Ich informierte den Staffelkommandanten, dass ich das Flugzeug verlassen müsste, doch er riet mir, mich in die nahe Schweiz abzusetzen. Ich suchte nach einem Landeplatz, da ich nicht in den Bergen abspringen wollte. Ich fand dann eine sehr kurze Wiese mit weissen Markierungen. Ich hatte keine andere Wahl, als eine Landung zu versuchen. Mit einer riskanten Landung, bei welcher das Heckrad zuerst den Boden berührte, schaffte ich eine recht gute Ankunft. Es schien niemand da zu sein, als ich aufsetzte.

Auf dem Landweg gelangte die Mustang nach Dübendorf, wo sie wieder flugbereit gemacht wurde.  (372_1)

Auf dem Landweg gelangte die Mustang nach Dübendorf, wo sie wieder flugbereit gemacht wurde. (372_1)

Doch kaum hatte ich meine Maschine abgestellt, kamen sie daher. Die Schweizer Soldaten trugen ähnliche Helme wie die Deutschen, so dass ich plötzlich nicht mehr sicher war, wo ich war. Ich stand auf, hob meine Hände und fragte, ob sie Schweizer seien. Zum Glück antworteten sie mit einem Ja. Seine Mustang, eine P-51D-10-NA mit der Seriennummer 42-106438 und der Kennung WD-U stiess natürlich sofort auf grosses Interesse. Sie war erst kurz vorher als Ersatz für eine Mustang mit der gleichen Kennung, die nach einer Shuttle-Mission mit Beschädigungen in Italien zurückgelassen worden war, geliefert worden. Die WD-U war am 5.Juli 1944 zur 335th Squadron gekommen. Sie wurde daraufhin Lt Simpson als persönliches Flugzeug zugeteilt und diente der 4th FG also nicht einmal während zwei Wochen. Aus diesem Grund waren auch keine persönlichen Markierungen des Piloten angebracht. Die Schweizer Techniker, die kurz nach der Landung in Ems-Plarenga auf dem Platz erschienen, hatten die Ursache der Notlandung schnell entdeckt. Zuerst wollte Oberst Högger die Maschine nach Dübendorf fliegen, doch da man keine Erfahrungen mit dem Typ hatte, wurde sie kurzerhand unter der Leitung von Adj. Urech demontiert, mit Lastwagen nach Chur gebracht und von da mit der Bahn nach Dübendorf verfrachtet. Dort konnte der Jäger untersucht und repariert werden. Gleichzeitig erhielt dieser Schweizer Kennzeichen. Am 1. August 1944 erfolgte der Erstflug in der Schweiz und in der Folge versuchten sich mehrere erfahrene Schweizer Piloten auf dem amerikanischen Jäger. Alle waren von den Flugleistungen begeistert. Nach Abschluss diverser Tests wurde die Mustang dann dem Überwachungsgeschwader (UeG) zugeteilt. Dort erhielt sie auch den am 16. September 1944 eingeführten rotweissen Neutralitätsanstrich. Das UeG benutzte die Mustang, welche übrigens nie eine Schweizer Registration trug, vor allem für Luftkampfübungen. Schliesslich wurde sie nach Emmen überführt, wo beim F+W Emmen und der KTA zahlreiche Versuche durchgeführt wurden.

Die P-51 während der Testflüge in Emmen.  (372_2)

Die P-51 während der Testflüge in Emmen. (372_2)

Nachdem die Waffen schon in Dübendorf entfernt worden waren, erhielt die Mustang in Emmen anstelle des Landescheinwerfers eine Messsonde im Flügel. Nach dem Ende des Krieges, als die zahlreichen internierten Bomber, welche noch zu reparieren waren, für die Rückgabe und den Rückflug nach England vorbereitet wurden, gehörte auch die Mustang zu den Flugzeugen, die von der amerikanischen Kommission zurückgefordert wurden. Im Oktober wurde sie deshalb wieder in den Originalzustand zurückversetzt, das heisst, die Schweizer Markierungen wurden entfernt, die Waffen und der Landescheinwerfer wieder eingebaut und die ursprüngliche Markierung wieder angebracht. Am 20. Oktober 1945 wurde die Mustang dann von Captain Brown nach Burtonwood in England überflogen, wo die USAAF die nicht mehr benötigten Flugzeuge einlagerte. Bei Brown handelte es sich um jenen Mustang-Piloten der 357th FG, der am 27. Mai 1944 bei Lütisburg aus seiner Mustang aussteigen musste. Lt Curtis Simpson war übrigens schon kurz nach seiner Internierung geflohen und am 15. Oktober 1944 nach Debden zurückgekehrt. Die guten Erfahrungen mit dieser Mustang beeinflussten dann 1947/48 den Entscheid, für die Schweizer Flugwaffe hundertdreissig P-51D Mustang aus amerikanischen Überschussbeständen zu erwerben.

In Emmen wurde der im linken Flügel eingebaute Scheinwerfer durch eine Mess-Sonde ersetzt. (372_3)

In Emmen wurde der im linken Flügel eingebaute Scheinwerfer durch eine Mess-Sonde ersetzt. (372_3)


Ereignissdatum 19.7.1944
Ort Ems
Kanton GR
Ereignis Notlandung
Nation Amerika
Flugzeugart Jäger
Flugzeugtyp P-51 Mustang
Flugzeugbezeichnung P-51 D-10-NA
Einteilung 8th Air Force, 4th Fighter Group, 335th Squadron
Basis Debden (GB)
Auftrag Bomberbegleitschutz
Einsatzziel Augsburg (D)
Rückkehr 20.10.1945 Übergabe an USAAF
Werknummer 42-106438
Kennzeichen WD-U
CH Archiv Nr. A106
Besatzung Pilot: Curtis Simpson, 1st Lt
Quelle Cockpit
Autor Hans-Heiri Stapfer