Ereignisse

Absturz bei Zuzgen

Die Maschine mit dem Kennzeichen TQ-M stürzte bei Zuzgen im Fricktal ab wobei der Pilot ums Leben kam.

Beim Absturz riss die Maschine eine Schneise in den Wald. (409_1)

Beim Absturz riss die Maschine eine Schneise in den Wald. (409_1)

Obwohl die amerikanischen Marauder-Staffeln häufig den Schweizer Luftraum verletzten, ging nur ein einziges Flugzeug dieses Typs auf Schweizer Boden nieder. Der folgende Bericht schildert den Absturz einer Marauder in der Nähe von Zuzgen im aargauischen Fricktal, bei dem der Pilot auf tragische Weise ums Leben kam. Am Nachmittag des 16. April 1945 starteten achtunddreissig Marauder der 387th Bomb Group zu ihrem zweiten Tageseinsatz gegen ein deutsches Versorgungsdepot in Kempten. Schon am Morgen hatten die „Striped Tiger“, wie die Gruppe wegen ihres gelb-schwarz gestreiften Bandes am Seitenleitwerk genannt wurde, einen Stützpunkt in Gunzenhausen angegriffen. Die von 1st Lt Wilmeth geführte Einheit traf dabei ganz hervorragend. Alle Maschinen kehrten unbeschädigt nach Clastres, ihrer Basis in Frankreich, zurück. Eigentlich war der Kempten-Angriff schon für den 12. April vorgesehen gewesen, doch hatte damals schlechtes Wetter diese Gruppe zur frühzeitigen Umkehr gezwungen. Nun herrschten im Zielgebiet ideale Bedingungen. Den zweiten Angriff leitete Captain Winn. Sämtliche Maschinen erhielten neue Besatzungen. 2nd Lt Raymond W. Reid übernahm die „894“ von Lt Potter. Reid hatte mit dieser Marauder schon zwölf Einsätze geflogen und kannte die Eigenheiten dieser Maschine natürlich ganz genau. Die weitere Besatzung bestand nach amerikanischen Angaben aus dem Copiloten Kenneth J. Stear, dem Bombenschützen Richard J. Bockhahn, dem Bordmechaniker Robert L. Mercado, dem Funker Johnnie F. Jones sowie dem Schützen Earl L. Theis. Die Martin B-26G-15-MA war am 30.Oktober 1944 aus der Halle der Glenn-Martin-Werke in Baltimore gerollt. In Europa bekam die Marauder einen grauen Oberseitenanstrich und die Stammkennzeichen TQ-M.

Von der Marauder blieb kein Teil übrig, welches an ein Flugzeug erinnerte. (410_1)

Von der Marauder blieb kein Teil übrig, welches an ein Flugzeug erinnerte. (410_1)

Der Anflug auf Kempten gestaltete sich problemlos, weder Flak noch Jäger behinderten die Maschinen auf ihrem Weg. Doch plötzlich kam um 17.20 Uhr kurz nach Donaueschingen Unruhe in den Verband. Lt Reids rechter Pratt&Whitney-Motor fing enorm an zu rauchen. Sofort verliess Reid die Formation, entledigte sich seiner zwei Bomben im Notabwurf und nahm Kurs Richtung Schweiz. Es war für die Besatzung die einzige Möglichkeit, der Gefangenschaft zu entkommen. Denn mit einem brennenden Triebwerk war an eine Rückkehr nach Clastres nicht zu denken. Für die Besatzung begannen zwanzig endlose Minuten. Zwar konnte die automatische Löschanlage den Brand bald unter Kontrolle bringen, doch die Marauder hatte viel an Höhe verloren. Ein tieffliegendes, angeschlagenes Flugzeug, das wäre eine leichte Beute für die Deutschen gewesen. In Windeseile entledigte sich die Crew von allem was nicht niet- und nagelfest war um ihre B-26 zu erleichtern. Doch wenige Kilometer vor der Grenze mussten Jones und Theis in den sauren Apfel beissen und die Maschine verlassen. Sie gerieten unverletzt in Deutsche Gefangenschaft. Jones konnte nach zwei Tagen fliehen, durchschwamm den Rhein und wurde in der Schweiz interniert. Um 17.40 Uhr überquerte die Marauder bei Möhlin in ungefähr 250 Meter Höhe den Rhein. Einer nahegelegenen Flabbatterie war dieser Einflug nicht entgangen. Sofort eröffneten sie das Feuer auf den Eindringling. Einen solch heissen Empfang hatten die Amerikaner von den Eidgenossen wohl nicht erwartet. Das Flugzeug fing erneut an zu brennen und konnte vom Piloten nur noch mit Mühe gehalten werden. Reid liess das Fahrwerk ausfahren damit seine Kollegen durch den Fahrwerkschacht ins Freie springen konnten. Wenige Sekunden vor dem Absturz änderte Lt Reid nochmals die Flugrichtung damit die „894“ nicht auf bewohntes Gebiet stürzte. Dann stieg er ebenfalls aus.

Diese Marauder gehörte zur gleichen Bombergruppe. Sie hat das gleiche gelb-schwarze Muster am Seitenleitwerk wie die in der Schweiz abgestürzte Maschine. (410_2)

Diese Marauder gehörte zur gleichen Bombergruppe. Sie hat das gleiche gelb-schwarze Muster am Seitenleitwerk wie die in der Schweiz abgestürzte Maschine. (410_2)

Mit voller Wucht prallte die B-26 gegen den Zeiniger Berg. Der Aufschlag muss fürchterlich gewesen sein. Ganze Buchen wurden entwurzelt oder umgeknickt. In einem weiten Umkreis waren die Trümmer der explodierten B-26 zu finden. Einzig die beiden Hauptfahrwerke lagen noch beinahe unbeschädigt ausserhalb des Trümmerfeldes. Lt Reid erlebte den Absturz nicht mehr. Er war zu tief abgesprungen und sein Schirm konnte sich nicht mehr öffnen. Später wurde seine Leiche in einem Rebberg gefunden. Er war der Letzte von einundsechzig Besatzungsmitgliedern aus Amerika, die in der Schweiz ihr Leben lassen mussten. Etwa zur gleichen Zeit als sich diese dramatischen Ereignisse abspielten, bombardierten die übrigen siebenunddreissig Marauder das Versorgungsdepot in Kempten. Der Einsatz wurde, wie Aufklärungsfotos zeigten, zu einem vollen Erfolg. Mehrere vollbeladene Eisenbahnwagen, fünfzig Lastwagen und fünfundzwanzig Baracken fielen den Bomben zum Opfer. Die Einheit erlitt bei dieser Mission keine weiteren Verluste. Für die 387th Bomb Group blieb dies einer der letzten Einsätze. Drei Wochen später war der Krieg in Europa zu Ende.


Ereignissdatum 16.4.1945
Ort Zuzgen
Kanton AG
Ereignis Absturz
Nation Amerika
Flugzeugart Bomber
Flugzeugtyp B-26 Marauder
Flugzeugbezeichnung B-26 G
Einteilung 9th Air Force, 387th Bomb Group, 559th Squadron
Basis Clastres (F)
Auftrag Bombardierung
Einsatzziel Kempten (D)
Rückkehr in der Schweiz verschrottet
Werknummer 44-67894
Kennzeichen TQ-M
CH Archiv Nr. A166
US MACR Nr. 14455
Besatzung Pilot: Raymond W. Reid, 2nd Lt, im Kampf gestorben
Copilot: Kenneth J. Stear, 2nd Lt
Toggler: Richard J. Bockhahn, S/Sgt
Engineer: Robert L. Mercado, Sgt
Radio: Johnnie F. Jones, Sgt
Gunner: Earl L. Theis, S/Sgt, Deutsche Gefangenschaft
Quelle Cockpit
Autor Hans-Heiri Stapfer