Ereignisse

Die Ju 88 mit dem Schweizerkreuz

Die Maschine mit dem Kennzeichen B3+MH landete wegen Treibstoffmangel nach einem Angriff auf Neapel in Dübendorf.

Die Ju 88A-4 kurz nach ihrer Landung in Dübendorf. Das Hakenkreuz wurde durch die Mäandertarnung teilweise überspritzt. (327_1)

Die Ju 88A-4 kurz nach ihrer Landung in Dübendorf. Das Hakenkreuz wurde durch die Mäandertarnung teilweise überspritzt. (327_1)

Am 21. Oktober 1943 gegen 22.00 Uhr landete eine Junkers Ju 88A-4/trop der 1.Staffel des Kampfgeschwaders 54 nach der Bombardierung der süditalienischen Hafenstadt Neapel in Dübendorf. Der intakte Bomber war natürlich gleich Objekt eidgenössischer Wissensbegierde, da dies die erste Landung einer Ju 88 in der Schweiz darstellte. Mit den Kennzeichen unserer Fliegertruppe ausgestattet, wurden mit der Maschine zahlreiche Erprobungsflüge in Dübendorf und beim F+W in Emmen durchgeführt. Die deutsche Besatzung konnte durch einen Austausch mit alliierten Internierten im März 1944 wieder ins Reich zurückkehren. In den Morgenstunden des 3. September 1943 begann die Invasion des europäischen Festlandes, als an der Südküste Kalabriens zwischen Reggio und San Giovanni zwei Divisionen der britischen 8. Armee an Land gingen. Da sich die deutsche 29. Panzergrenadierdivision nur marginal zum Kampf stellte, konnten die Alliierten rasch nach Norden vorstossen.

Die ursprünglich hellblaue Unterseite wurde von der Truppe durch einen schwarzen Sichtschutz überdeckt. (328_1)

Die ursprünglich hellblaue Unterseite wurde von der Truppe durch einen schwarzen Sichtschutz überdeckt. (328_1)

Wenige Tage später überstürzten sich die Ereignisse im südlichen Nachbarland, nachdem Marschall Badoglio mit den Alliierten am 8. September einen Waffenstillstand ausgehandelt hatte. In der Folge marschierte die deutsche Wehrmacht beim ehemaligen Waffenbruder ein. Rom wurde im Handstreich genommen und die gesamte italienische Armee im Mutterland sowie in Südfrankreich, Jugoslawien, Griechenland und Albanien entwaffnet. Nur einen Tag später landeten als Teil der Operation Avalanche (Lawine) vier Divisionen der 5. US-Armee sowie das britische X. Korps in der Bucht von Salerno. Das erste Operationsziel hiess Neapel, denn über diesen Hafen sollten die auf Rom vorrückenden alliierten Truppen mit Nachschub versorgt werden. Die erste Gruppe des KG 54 (I./54) verlegte ab dem 4. Juni 1943 nach verlustreichen Kämpfen im Mittelmeerraum zur Wiederaufrüstung nach Manching bei Ingolstadt, nachdem noch am 1. Juni der letzte Angriff auf den Hafen von Sousse geflogen worden war. So lag die Hauptlast der Angriffe auf der 3. Gruppe dieser Einheit. Nach der Landung der Alliierten in Sizilien und auf dem italienischen Festland wurde das mit Junkers Ju 88-Bombern ausgerüstete Kampfgeschwader 54 gegen die Invasionsflotte und die Häfen in Nordafrika und im befreiten Italien eingesetzt. Dabei gelang dem KG54 auch die Versenkung einiger Transportschiffe.

Der Bomber trägt hier in Dübendorf immer noch den Originalanstrich. (328_2)

Der Bomber trägt hier in Dübendorf immer noch den Originalanstrich. (328_2)

Nach der Zerstörung der Hafenanlagen wurde Neapel von den deutschen Truppen geräumt und am 1. Oktober 1943 von der 5. US-Armee besetzt. Nach beendetem Auffrischen verlegte das I./KG54 Anfang Oktober von Manching aus zu seinem neuen Einsatzflughafen nach Novara-Cameri. Das III./KG54, welches durch die Invasionskämpfe beinahe aufgerieben worden war, verlegte, nachdem es die verbliebenen Maschinen dem II./KG54 übergeben hatte, zur Wiederaufrüstung nach Deutschland zurück. Am 12. Oktober 1943 flogen die 1. und 3. Gruppe dieser Einheit ihren ersten Einsatz auf den Hafen von Ajaccio an der Westküste von Korsika. Auf Grund der Tatsache, dass über den Zielen über Süditalien alliierte Luftüberlegenheit herrschte, erfolgten die meisten Einsätze im Schutz der Dunkelheit.

Während der Evaluation in Emmen wurden die beiden ETC-Bombenschlösser entfernt. Die Steuerbordseite ist immer noch hellblau gehalten, während die gegenüberliegende Seite schwarz bemalt worden ist. Die rotweissen Spinner sind durch ein schwarzes Band abgetrennt. Die Propellerblätter selbst sind schwarzgrün gespritzt. (328_3)

Während der Evaluation in Emmen wurden die beiden ETC-Bombenschlösser entfernt. Die Steuerbordseite ist immer noch hellblau gehalten, während die gegenüberliegende Seite schwarz bemalt worden ist. Die rotweissen Spinner sind durch ein schwarzes Band abgetrennt. Die Propellerblätter selbst sind schwarzgrün gespritzt. (328_3)

Die für den Nachtflug schwierigen Herbst-Wetterlagen südlich der Alpen mit plötzlichen Nebeleinbrüchen, starken Regenfällen und damit verbundenen aufgeweichten Rollfeldern stellte gerade die jungen, frisch aus der Umschulung gekommenen Besatzungen vor schwierige Probleme. Nach dem Durchzug eines Schlechtwettergebietes wurden am 21. Oktober 1943 144 Junkers Ju 88-Bomber gegen Schiffe im Hafen von Neapel eingesetzt. Diese Mission stand unter einem äusserst unglücklichen Stern. Durch einen heftigen Südwestwind trieben die Zielmarkierungen und Leuchtbomben ab, was zur Folge hatte, dass die Formationen ihre tödliche Fracht grösstenteils über dem Quai und der Stadt abwarfen. Die heftige alliierte Fliegerabwehr zerstörte über dem Zielgebiet drei Junkers Ju 88 des Kampfgeschwaders 54, während eine weitere Maschine beim Überflug der Küste von der eigenen Fliegerabwehr abgeschossen wurde. Doch diese Nacht sollte noch weitere Verluste bringen.

Während die linke Waffenwanne immer noch den originalen hellblauen Anstrich behielt, wurde auf der rechten Waffenwanne ein schwarzer Sichtschutz aufgetragen. Das weisse "M" zeigt Spuren der Verwitterung. (329_1)

Während die linke Waffenwanne immer noch den originalen hellblauen Anstrich behielt, wurde auf der rechten Waffenwanne ein schwarzer Sichtschutz aufgetragen. Das weisse „M“ zeigt Spuren der Verwitterung. (329_1)

Auf dem Rückflug trafen die Besatzungen über der Poebene eine Hochnebeldecke an, über die sich noch eine weitere Wolkenschicht schob. Besonders betroffen von dieser unglücklichen meteorologischen Situation war das in Bergamo stationierte II./KG54. Nur gerade einem Teil der 2. Gruppe gelang es, auf dem Heimatplatz niederzugehen. Die von Leutnant Hans Martin geflogene Ju 88 B3+EP stürzte beim Landeanflug ab, wobei die Besatzung den Tod fand. Beiderseits der Alpen verstreut gingen die Junkers-Bomber des Kampfgeschwaders 54 auf verschiedenen Landeplätzen nieder. Eine Besatzung konnte in Aviano bei Udine aufsetzen, während sich zwei Ju 88 bis in den Münchner-Raum durchschlugen. Bei Schlechtwetterlandungen machten zwei Junkers in Piacenca Bruch. Wegen Treibstoffmangel musste die Besatzung der Ju 88 mit dem Kennzeichen B3+AM südwestlich von Piacenca abspringen, während eine weitere Maschine in Novara-Cameri eine Bruchlandung ausführte.

Im Hintergrund sind die in Bern-Belpmoos notgelandete Mosquito und die Fiat G.50 zu erkennen, welche ebenfalls zu Studienzwecken herangezogen wurden. (330_1)

Im Hintergrund sind die in Bern-Belpmoos notgelandete Mosquito und die Fiat G.50 zu erkennen, welche ebenfalls zu Studienzwecken herangezogen wurden. (330_1)

Bei den Irrflügen der deutschen Luftwaffenflugzeuge kam es an diesem Tag auch zu mehreren Verletzungen des Schweizer Luftraumes. Überhaupt war der Oktober 1943 beileibe nicht arm an Ereignissen. Am 1. Oktober warfen B-17 nach ihrem fehlgeschlagenen Angriff auf Augsburg an sechs verschiedenen Orten im Kanton Graubünden Spreng- und Brandbomben ab, wobei die Schweizer Flab zusammen mit über der Schweiz fliegenden deutschen Messerschmitt Bf 109 zwei B-17F der 99th Bomb Group bei Bad Ragaz und Alveneu abschoss. Insgesamt registrierte der Meldedienst der Flieger- und Flab-Truppen in diesem ereignisreichen Monat nicht weniger als 103 Überflüge durch fremde Maschinen, wobei deren 73 einwandfrei der Achse zugeschrieben werden konnten.

Die Maschine gehörte der 1. Gruppe des Kampfgeschwaders 54

Die Maschine gehörte der 1. Gruppe des Kampfgeschwaders 54 „Totenkopf“ an. (330_2)

Ebenfalls nach Süddeutschland durchschlagen wollte sich die Besatzung des 23 jährigen Unteroffiziers Drago Verhovc, nachdem der Hochnebel über Norditalien eine Landung auf dem Heimatplatz Cameri verunmöglicht hatte. Dieser Besatzung der 1. Staffel des I./KG54 war für den Angriff auf die Hafenanlagen von Neapel die Junkers Ju 88A-4/trop mit der Werknummer 550 396 und der Verbandkennung B3+MH zugeteilt worden. Diese Maschine hatte am 13. November 1941 die Junkers-Werkhallen verlassen. Unteroffizier Verhovcs Ju 88A-4/trop gehörte zwar zu einem relativ frühen Baulos, besass aber dennoch das auf der Rumpfoberseite eingebaute EZ-6-Peilgerät, welches sonst nur bei späten Mustern dieser Version zu finden ist. Die Ju 88A-4, deren Produktion im Frühjahr 1941 anlief, unterschied sich von den Vorgängermustern durch den Einbau des 1400 PS starken Jumo 211J-Triebwerkes, womit Bombenzuladung und Reichweite gesteigert werden konnten. Kurz vor 22.00 Uhr entdeckte die Besatzung von Unteroffizier Drago Verhovc unter sich einen hellerleuchteten Flugplatz und entschloss sich, aufgrund bedenklich leerer Treibstofftanks eine Landung auf dem unbekannten Flugfeld zu wagen.

Die Ju 88A-4 am 9. Februar 1944 in einem Hangar in Emmen. (331_1)

Die Ju 88A-4 am 9. Februar 1944 in einem Hangar in Emmen. (331_1)

Vom Wangenerberg her kommend, suchte der Pilot mit seinen Scheinwerfern den Boden und war bei der Platzmitte immer noch 50 m hoch. Erst 250 m vor der Halle VII setzte die Ju 88 auf der Graspiste auf. Nur durch volle Bremsbetätigung und eine Richtungsänderung kurz vor dem Hangar konnte Verhovc eine Katastrophe verhindern. Nach einem über sechsstündigen Flug hatte die Odyssee über den Wolken ein Ende gefunden. Erst nachdem die verblüffte Besatzung von einem Schweizer Kommando in Gewahrsam genommen worden war, dämmerte es den deutschen Fliegern, dass sie sich statt auf einem Horst in Süddeutschland in einem neutralen Land befanden. Bis zu ihrer Vernehmung durch den Schweizer Nachrichtendienst am folgenden Tag verblieben die Besatzungsmitglieder strikte voneinander getrennt in dem von der HD-Kompanie 24 bewachten Offizierskasino.

Während die Rumpfunterseiten schwarz gehalten sind, erhielten die hellblauen Fahrwerkstore lediglich ein schwarzes Schlangenmuster aufgespritzt. (331_2)

Während die Rumpfunterseiten schwarz gehalten sind, erhielten die hellblauen Fahrwerkstore lediglich ein schwarzes Schlangenmuster aufgespritzt. (331_2)

Für die Flugerprobung erhielt der Bomber Schweizer Kennzeichen. Das Hakenkreuz am Seitenleitwerk sowie das Geschwaderkennzeichen am Rumpf überpinselten die eidgenössischen Techniker mit einer Tarnfarbe, welche dem originalen Sichtschutz sehr nahe kam. Das Wappen des KG 54 blieb aber von der Spritzpistole verschont. Kurze Zeit später erfolgte der Überflug von Dübendorf nach Emmen, wo der Bomber vom F+W einer eingehenden Erprobung unterzogen wurde. Während der Evaluation der Ju 88A-4 in Emmen wurde die gesamte Bewaffnung aus der Maschine ausgebaut, ebenso wie die an der Tragflächenwurzel angebrachten ETC-Bombenschlösser.

Deutlich sichtbar ist das auf der Rumpfoberseite angebrachte EZ-6-Peilgerät. Die Aufnahme lässt besonders gut die sandgelbe Mäandertarnung auf der Oberseite erkennen. (332_1)

Deutlich sichtbar ist das auf der Rumpfoberseite angebrachte EZ-6-Peilgerät. Die Aufnahme lässt besonders gut die sandgelbe Mäandertarnung auf der Oberseite erkennen. (332_1)

Im Zuge eines Austausches mit alliierten Fliegern, welche sich ebenfalls in der Schweiz befanden, konnte die aus dem Unteroffizier Drago Verhovc, dem Bombenschützen Unteroffizier Heinrich Schümann, dem Bordfunker Unteroffizier Robert Schneider und dem Bordschützen Obergefreiter Georg Fellner ins „Reich“ zurückkehren. Sie stiessen am 17. März 1944 wieder zu ihrer Einheit, welche sich zu dieser Zeit im französischen Juvincourt befand. Als Teil der Operation Steinbock, welche wegen der Bombardierung des Reichs durch die Royal Air Force Vergeltungsangriffe auf England vorsah, wurde das Kampfgeschwader 54 vom italienischen Kriegsschauplatz nach Frankreich verlegt. Bereits am 21.Januar 1944 starteten Maschinen der 1.und der 2.Gruppe des KG 54, welche Bestandteil einer 227 Maschinen starken Formation waren, zu ihrem ersten Angriff auf London. Die Angriffe auf die britische Metropole sowie bedeutende Industriestädte auf der Insel mussten unter grössten Verlusten durchgeführt werden. Neben der tödlichen Flab über dem Zielgebiet machten auch die Nachtjäger, welche über England und dem Kontinent auf Beute lauerten, den Besatzungen des KG 54 das Leben schwer.

Nach der Landung überspritzte die Fliegertruppe das Hakenkreuz mit einer der Originaltarnung entsprechenden Farbe. (332_2)

Nach der Landung überspritzte die Fliegertruppe das Hakenkreuz mit einer der Originaltarnung entsprechenden Farbe. (332_2)

Zwischen Januar und Mai 1944 gingen während des Unternehmens „Steinbock“ nicht weniger als 50 Maschinen dieser Einheit verloren. Auch die Besatzung von Unteroffizier Verhovc wurde bald in solche haarsträubende Nachteinsätze über dem englischen Mutterland involviert. Am 13. Mai 1944 verlegte das KG 54 auf die beiden Einsatzplätze Evreux und St. Andre. Bereits einen Tag später flogen 91 Junkers Ju 88 einen Einsatz gegen Bristol. Mit von der Partie war auch die Besatzung von Drago Verhovc welche für diese Mission die Junkers Ju 88A-4 (Werknummer 885 860) mit dem Geschwaderkennzeichen B3+NH zugeteilt bekommen hatte. Doch diesmal liessen die Schutzengel die Besatzung im Stich, denn seit diesem Einsatz gelten Flugzeugführer Drago Verhovc, Bombenschütze Heinrich Schümann, Bordfunker Robert Schneider und Bordschütze Georg Fellner als vermisst. Das Geheimnis ihres Verschwindens haben die vier deutschen Flieger in ihr nasses Grab irgendwo im Kanal mitgenommen.


Ereignissdatum 21.10.1943
Ereignisszeit 22.00
Ort Dübendorf
Kanton ZH
Ereignis Landung
Nation Deutschland
Flugzeugart Bomber
Flugzeugtyp Junkers Ju 88
Flugzeugbezeichnung Junkers Ju 88 A-4/trop
Einteilung 1. Staffel des Kampfgeschwaders 54
Auftrag Bombardierung
Einsatzziel Neapel (I)
Werknummer 550 396
Kennzeichen B3+MH
CH Archiv Nr. D027
Besatzung Pilot: Drago Karl Verhovc, Unteroffizier
Bombenschütze: Heinrich Schümann, Unteroffizier
Bordfunker: Robert Schneider, Unteroffizier
Bordschütze: Georg Fellner, Obergefreiter
Quelle Fremde Flugzeuge in der Schweiz
Autor Theo Wilhelm